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Das Loch im "Eisernen Vorhang"

von Bernhard Zipfel

Die Schiefervorkommen des Thüringer Schieferbezirkes, vor allem der "Steinernen Heide", dem Gebietsrücken bei Lehesten, gaben schon seit Generationen den Männern aus Reichenbach und der Umgebeung Arbeit und Brot, denn alle Versuche, auf bayerischer Seite guten Schiefer abzubauen, schlugen letztendlich fehl.

Die Ausbeute in den dortigen Schieferlöchern war spärlich und die Güte der Schieferscherben gering.
Den Krisenjahren in den Schieferbrüchen von Lehesten während der Weimarer Republik (1918-1933) folgte die Aufwertung des Berufsstandes zum Schieferwerker, einen Facharbeiter für Dach- und Wandschiefer.

Wärend des 2. Weltkrieges wurden die Schieferbrüche um Lehesten durch die vielen Dienstverpflichtungen leer und die Stollen, Hohlräume und Hütten füllten Fremdarbeiter und Kriegsgefangene.
Nach dem 2. Weltkrieg war Bayern von amerikanischen Truppen besetzt und Thüringen gehörte zur sowjetischen Besatzungszone. Der "Eiserne Vorhang" schien zunächst die etwa 240 bayerischen Arbeiter von ihrer Arbeitsstelle in Lehesten zu trennen.

In der Folge blieben die bayerischen Schieferbrücher ihrem Arbeitsplatz in den Schiefergruben um Lehesten fern, um die weitere Entwicklung abzuwarten.

Es bedurfter langer Verhandlungen, die damals oftmals an den bürokratischen Stufenleiter zu scheitern drohten, bevor es zu einer Einigung kam. Am 12. Juli 1948 erschien an der Gemeindetafel in Reichenbach ein Anschlag des seit 1945 umbenannten VEB Schiefergruben Lehesten mit dem Hinweis, dass es den bayerischen Schieferbrüchern wieder möglich sei, dort Arbeit zu finden.
Der Übergang in die sowjetische Besatzungszone sei mit sogenannten "kleinen Grenzübertrittscheinen" wieder jederzeit möglich.
Aber nur an zwei Stellen dürften die Frankenwälder die Grenze passieren, nämlich zwischen Tschirn / Bayern und Brennersgrün / Thüringen und an der Ziegelhütte bei Lauenhain / Bayern nach Lehesten / Thüringen.

Zunächst meldeten sich 8 Arbeiter aus der Gemeinde, doch die Belegschaft der VEB Schiefergruben Lehesten verstärkte sich immer weiter mit bayerischen Arbeitern.

Eine Vereinbarung der beiden Länder Thüringen und Bayern, welche die Entlohnung der bayerischen Arbeiter regelte, trug dazu bei und bald kamen 250 Schieferarbeiter aus den bayerischen Grenzgebieten.

Zum Jahresende 1948 hatten sich dann die Vorschriften des "kleinen Grenzverkehrs" gewaltig geändert.
In Bayern nahmen die Einflüsse der amerikanischen Militärbehörde und in Thüringen die sowjetischen Besatzer erheblich zu. Am 22. Februar 1949 wurde den bayerischen Arbeitern der Grenzübertritt nach Thüringen zunächst verweigert, am 28.Februar 1949 jedoch schon wieder erlaubt.

1949 entstanden auf deutschem Boden schließlich zwei Staaten mit gegensätzlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen.

Der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik.

In den folgenden Monaten mußte zunächst die Entlohnung der bayerischen Schieferarbeiter neu geregelt werden.
Außerdem gestaltete sich die Regelung der Sozialversicherung, insbesondere der Unfall- und Invalidenversicherung, schwierig und war lange Zeit unklar.

1951 wurde diesbezüglich eine neue Ländervereinbarung vertraglich festgelegt. Sie hatte eine finazielle Verschlechterung der bayerischen Arbeiter und deren Familien zur Folge.
Noch wärend der Verhandlungen um eine günstigere Regelung wurde am 26. Mai 1952 die Grenze von seiten der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) aus völlig gesperrt. 230 bayerische "Schieferbrücher" wurden über NAcht arbeitslos.

Dem Notstand in der Gemeinde Reichenbach wurde zunächst mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, erneut Schiefervorkommen in der eigenen Gemarkung zu erschließen, entgegen getreten.

Vorgenannte Arbeiten im "Dobersgrund" bei Reichenbach waren im vollen Gange, als zunächst Gerüchte kursierten, dass die Wiedereinstellung bayerischer Arbeiter in den Schieferbrüchen von Lehesten bald möglich sei.

Aber erst am 1. Januar 1955 trat das "Lehestener Schieferabkommen" auch als "Lehestener Vereinbarung" bekannt, wieder in Kraft. Als Grenzübergangsstellen waren fortan die Straße Falkenstein / Bayern nach Probstzella / Thüringen und wieder der Übergang von der Ziegelhütte / Bayern nach Lehesten / Thüringen geplant.

Am 8. Januar 1955 nachmittags wurde von der DDR-Seite aus entlang der Demarkationslinie am Grenzübergang Ziegelhütte-Lehesten mit dem Bau einer etwa zwei Meter hohen Bretterwand quer über die Straße hin und dem Bau einer Baracke begonnen. Obwohl sich spontan 143 Arbeiter aus den bayerischen Grenzgemeinden zur Arbeitsaufnahme bereit erklärten, wurde zunächst nur 25 der Bewerber eingestellt. Diese konnten am 10. Januar 1955 wieder ihre Arbeit aufnehmen.

Die anfängliche Euphorie der Arbeiter aus Bayern war bereits zum Monatsende Januar 1955 wieder dahingeschmolzen.
Grund dafür war u.a. wieder einmal die Kenntnis von der künftigen Lohnzahlung im Verhältnis DM/Ost zu DM/West, die dem Versprechen nach nicht eingehalten wurde.

Nach fünfjähriger Bauzeit wurde am 23. Februar 1955 eine Abfertigungsbaracke von bayerischen Grenz- und Zolldienstorganen am Grenzübergang Ziegelhütte-Lehesten fertiggestellt und benutzt.

Das Loch im "Eisernen Vorhang" im Frühjahr 1955.

Bayerische Arbeiter kehren nach Arbeitsende von ihrer Arbeitsstätte in Lehesten nach Bayern zurück.

(B. Zipfel)

 

Die schwierige soziale Lage der bayerischen Arbeiter erforderte, dass immer mehr wieder die Arbeit in den Schiefergruben von Lehesten aufnahmen. Das stehts heikle Problem der Regelung von Sozialversicherung und Sozialleistungen, nunmehr als "Saalfelder Abkommen" vom 9. März 1955 regegelt, war für westdeutsche Arbeiznehmer erneut nicht zufriedenstellend. Dennoch waren Mitte Juli 1955 über 100 bayerische Arbeiter in den VEB Schiefergruben von Lehesten beschäftigt.

Zum Jahreswechsel 1957 / 1958 verschärfte sich die Lage im Lehestener Betrieb wie auch am Loch im "Eisernen Vorhang". Betriebsversammlungen mit politischen Reden und verschärften Kontrollen am Grenzübergang waren u.a. dafür ausschlaggebend.

Zum Jahresende 1960 zeigte sich an, dass wohl die Ära von bayerischen Schieferarbeitern in den Schiefergruben von Lehesten zu Ende ging, bedingt durch ein mittlerweile entstandenes Feindbild Ost - West und den wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik Deutschland.
Dennoch blieb das "Lehestener Loch" als letze Öffnung in der "Zonengrenze" vorläufig noch offen.

Von Seiten der Verantwortlichen des VEB Schiefergruben Lehesten folgte Anfang 1961 ein Werben um bayerische Schieferarbeiter. Diese sollten ihren ständigen Aufenthalt und ihren Wohnsitz nach Thüringen verlegen.

Alles Werben fruchtete nicht und so wurden die Befürchtungen und Vermutungen schließlich Wahrheit, denn am 12. Septemebr 1961 wurde den bayerischen Arbeitern die Kündigung zum 26. des gleichen Mainats ausgesprochen.
Alle Betroffenen waren sich aber einig, dass dies ihr letzer Arbeitstag in den VEB Schiefergruben Lehesten war.

Letztlich wurde noch ein Einkaufstag am 15. Septemeber 1961 in Lehesten von den Arbeitern wahrgenommen.
Ihr verbliebenes Guthaben auf Einkaufskarten konnte an diesem Tag noch eingelöst bzw. umgesetzt werden.

Erst die geschichtsträchtigen Ergebnisse zum Jahresende 1989 machten es möglich, die Grenze von Bayern nach Thüringen zu passieren.

Am 16. Dezember 1989 war im Rahmen der Wiedervereinigung auch der Grenzübergang Ziegehütte / Bayern - Ziegelhütte / Thüringen wieder offen. Die Grenzkontrollen beider Seiten unterblieben bereits im Sommer des Jahres 1990 in jeglicher Form.

 

Literatur und Bildnachweis: Bernhard Zipfel
"Warum es in Reichenbach keine Schieferbrücher mehr gibt"

Einen weiten Interessanten Link zu diesem Thema gibt es hier. Unterwegs auf der Thüringisch-Fränkischen Schieferstraße

Weiteres aus der Geschichte Reichenbachs:

Das Loch im "Eisernen Vorhang" von Bernhard Zipfel

Die Reichenbacher Tracht

Der "Anker"

Vom Kirchenwesen

Die Kapelle "St. Mariae"

Die Schieferbrücher

 

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