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Die Schieferbrücher

Ein Tag in den Meiningen'schen Schieferbrüchen

"Von der Noth der fränkischen und thühringischen Schieferbrucharbeiter hatte ich schon viel gehört, weshalb ich mich entschloß, den beiden bedeutendsten Schieferbrüchen einmal einen Besuch abzustatten.

Es war Montag, den 5. Juli, als ich mich mit meinem sachverständigen Begleiter frühzeitig von einem Orte des Frankenwaldes aus auf den Weg machte, die Schieferbrüche zu besichtigen. Vor uns auf der Landstraße nach Tschirn gingen eine Anzahl Schieferbrucharbeiter, jeder hatte ein Bündel unter dem Arm oder auf dem Rücken, enthaltend Brod, einige alte Knödel, etwas Schmalz und Kartoffeln.....

Dieselben waren trotz ihres Elends momentan froher Laune, freuten sich doch, bevor sie sich wieder auf eine Woche in das kapitalistische Joch begeben mußte, ...Die Schieferarbeiter kamen hauptsächlich aus folgenden Orten:
Lehesten, Brennersgrün, Lichtentanne, Weitersberga, Ottendorf, Ludwigsstadt, Haßlach, Reichenbach, Steinbach a. H., Oßla, Steinach, Tschirn, Heberndorf, Wurzbach, Marieneroth, Teuschnitz und Nordhalben. .....

In den Arbeitsräumen, denen zunächst unser Besuch galt, wurde in emsiger Thätigkeit am Schiefer gehämmert, derselbe gespaltet und geschnitten. Vor der Front ist der Platz eines uniformierten Aufsehers, welcher den ganzen Tag ein wachsames Auge auf die Arbeitssklaven hat. ...Um in den Bruch selbst zu gelangen, mußten wir viele an die Felsen gebaute Treppen mit zahlreichen Stufen hinuntersteigen und gelangten so glücklich auf der tiefsten Sohle an. ... Um die Ausbeute ergiebiger zu gestalten, wird an verschiedenen Stellen das Gestein durch Pulver gesprengt. ...Nach drei Minuten hörten wir lautes und dumpfes Knallen. ...Die dumpfen Donner kamen aus dem Stollen, aus jenen unterirdischen Arbeitsstellen, wo die Arbeiter stets beim mageren Schein einer offenen Oellampe arbeiten müssen. ...Hier an dieser Stelle sitzen die menschlichen Wesen Tag und Nacht um die Berge zu durchbohren und für kargen Lohn zu schaffen. Für den laufenden Meter der im Stollen weggebrochen wird, werden 35 Pfg. bezahlt. Davon haben die Arbeiter Oel und sonstige Materialien selbst zu stellen. Ist das Gestein weich, so ist ein Tagesverdienst von 3 Mk. bis 3Mk 50Pfg. bei 11 stündiger Arbeitszeit möglich. Sind die Arbeiter in dieser glücklichen Lage, dann schwebt aber auch das Damoklesschwert in Gestalt von Lohnreduktion über ihren Haupte. Wie mich mehrere Arbeiter versicherten werden in solchen Fällen von dem Akkordsatze 4 bis 5 Mk. abgezogen, weil der Verdienst "zu hoch" ist! ...Beim Anblick des Tageslichtes athmete ich erleichtert auf, denn von Zuführung von frischer Luft in den Stollen ist keine Rede. ...

Nunmehr begaben wir uns in das Wirtschaftsanwesen. Im Parterre befinden sich zwei große Räume zum einnehmen der Speisen und die Küche. Im ersten Stock ist der Schlafsaal. In den Wirtschaftsräumen stehen lange plumpe Bänke und Tische. An den Wänden sind kleine Schränkchen angebracht, in denen die Arbeiter ihre Lebensbedürfnisse für die ganze Woche aufbewahren. ...Im Schlafsaal stehen ca. 200 eiserne Bettstellen mit Strohsack und Decke. Vereinzelt haben sich die Arbeiter auch ein Oberbett mitgebracht. Hier schlafen Diejenigen, welche mehrere Stunden entfernt vom Bruche wohnen und erst Samtag Abends wieder nach Hause gehen. Wer um 9 Uhr Abends nicht in der Wirtschaft ist, muß die ganze Nacht draußen bleiben.

Nach einstündiger Wanderung vom "Herrschaftsbruch" über Lehesten erreichten wir den großen Bruch des vielfachen Millionärs und Kommerzienraths Oertel. ...Die fränkische und thüringischen Schieferarbeiter haben Herr Oertle zum hundertfachen Millionär gemacht. Herr Oertel beschäftigt zur Zeit 800 Arbeiter. Nach Besichtigung des Bruches wollten wir das innere des Viehstalls sehen, was uns aber nicht erlaubt wurde. Von außen konnten wir bemerken, daß sich etwa 70 wohlgenährte Ochsen und Kühe darin befanden, sowie eine große Anzahl Schweine. ...Die Arbeiter behaupten, es sei in dem Viehstall bedeutend schöner als in ihren Wohnungen. Und damit dürften sie recht haben.

Der Rundgang durch das Werk brachte die gleichen Erscheinungen wie auf dem "Herrschaftsbruch". ...Der uns begleitende junge Herr war so liebenswürdig, uns die über den Withschaftsräumen gelegenen Schlafsäle zu zeigen. Hier standen dicht nebeneinander wohl an 300 "Betten" gleich denen im anderen Bruch. ...Die Ausdünstungen in diesen Schlafsälen war geradezu unerträglich. ...Das Vesper bestand bei den größten Theil der Arbeiter aus einem Stück Brod und 1/2 Liter Kaffee mit Milch ohne Zucker, welche 3 Pfg. kostete. Andere kauften sich ein Glas Bier zum Brod. Einzelne gaben für Abends eine Suppenmarke ab, welche 7 Pfg. kostet. An dem Tische an dem ich saß, konnte ich nicht wahrnehmen, das irgend ein Arbeiter zum Brod ein Stück Käse oder Wurst verzehrte. ...

"Wir leben wie die Verbannten in den sibirischen Bergwerken", sagte ein alter körperlich sehr herabgekommener Arbeiter und durch Kopfnicken bestätigten seine übrigen Leidgenossen diese schwere Anklage gegen die herrschende Gesellschaft. Wer körperlich verkommene Menschen sehen will, möge sich die Schieferbrucharbeiter Frankens und Thüringens ansehen. Den Fremden, plötzlich in das Gebiet gekommenen, müssen die vielen halbverhungerten Gestalten mit den tiefliegenden Augen, den eingefallenen Wangen und dem von Entbehrung durchgefurchten Gesicht unwillkürlich auffallen. Besonders ältere Leute gehören mit wenigen Ausnahmen zu dieser Arbeiterkategorie, nachdem sie vom Kapital wie eine Zitrone ausgepreßt worden sind.

Das Los dieser armen Geschöpfe ist ein überaus trauriges. Wer Montags Morgens um 6 Uhr im Bruche sein will, muß mitten in der Nacht aufbrechen, Weib und Kinder schlafend verlassen. Wer das nicht thut, hat einen halben Tag Lohnausfall. Die Landstraßen gleichen Montags und Samstags sibirischen Heerstraßen, auf denen Verbanntentransporte dahinziehen. ...Vom Montag bis zum Sonntag kommt der weiter weg wohnende Arbeiter nicht mehr vom Bruch herunter, nach vollendetem Tagwerk nimmt er etwas minderwertige Speise zu sich, um dann wieder in der ungesunden Atmosphäre des Schlafsaales die wenigen Ruhestunden zuzubringen. So geht es Tag für Tag, bis Samstag Abends, wo er wieder den 3, 4, 5 oder 6 Stunden weiten Weg zu seiner Familie zurück legen muß.

Die Schieferbrücher erkranken sehr häufig an Lungenentzündung, wie überhaupt an den Athmungsorganen. Trotz der sehr guten Bergluft hat hier die teuflische Proletarierkrankheit schon geradezu vernichtend gewütet. Wird ein Arbeiter krank, so bleibt er auf dem Bruch in Pflege. Auf dem Oertelsbruch kam ich an einem sogenannten Krankenhaus vorbei, es lagen sieben kranke Arbeiter darin. Wöchentlich zweimal kommt der Arzt aus Lehesten, in gefährlichen Fällen wird es besonder berufen. Sonst ist ein Krankenwärter da, welcher den Kranken die erste Hilfe angedeihen läßt. Vom vierten Tag an wird 1 Mk. 20 Pfg. Krankengeld pro Tag gezahlt. Verheiratete Leute haben davon die Hälfte für Verpflegung zu bezahlen, so das noch 3Mk. 60Pfg. pro Woche verbleiben, womit eine halbe Tagesreise entfernt wohnende geängstigte Familie leben soll. Ledige erhalten außer der ärztlichen Behandlung und der Pflege nichts.

Die Schieferbrücher sind für die Besitzer wahre Goldgruben, für die Arbeiter eine Unsumme von Elend. Wehe dem Arbeiter, der es wagt seine Mitarbeiter zu gewerkschaftlichen und politischen Organisation aufzufordern. Zu Weihnachten v. J. beschlossen eine Anzahl von Schieferbruchleute, Verwaltungsstellen des Verbandes deutsche Dachdecker zu gründen. Es entstanden einige Organisationen, aber nicht lange dauerte es, da lagen die hervorragenden Mitglieder zum Verhungern auf der Landstraße. Die Verwaltungsstellen sind dadurch wieder eingegangen. Die Koalitionsfreiheit besteht hier nur für das Unternehmerthum. Ob es auf die Dauer gekingen wird, den schon heute über ihr Elend dumpf grollenden Arbeitermassen der Schieferbrüche das gesetzlich gewährleistete Recht der Vereinigung zu berauben, bezweifle ich, denn die Noth kann nirgends schlimmer hausen als in den elenden Wohnstätten diese Arbeiterkategorie und die Noth ist ein guter Agitator unter dem verelendeten entrechtenden Volk".

Dies ist ein Ausschnitt aus der "Dachdecker-Zeitung" aus Frankfurt am Main im Jahre 1897


Weiteres aus der Geschichte Reichenbachs:

Das Loch im "Eisernen Vorhang" von Bernhard Zipfel

Die Reichenbacher Tracht

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